Sind Religionen ein Ort der Emanzipation der Frau? Fortschritte und Rückschläge

Europarat in Straßburg, Frankreich, 21. Juni 2016

Zusätzlich zur Arbeitsgruppe und zum Bericht über „Menschenrechte und Religionen“ hat Gabriela Frey (Koordinatorin Europäischer Angelegenheiten der Europäischen Buddhistischen Union und Präsidentin von Sakyadhita Frankreich) vorgeschlagen, zusammen mit Gender-Experten der Konferenz von INGOs eine interreligiöse Debatte anzustossen mit dem Titel: „Sind Religionen ein Ort der Emanzipation der Frau? Fortschritte und Rückschläge.“

Repräsentanten der abrahamitischen Religionen (Protestanten, Katholiken, Orthodoxe, Juden, Muslime) bekamen jeweils zehn Minuten Redezeit, um über die Situation von Frauen in ihren Religionen zu sprechen. Jetsunma Tenzin Palmo erörterte die buddhistische Perspektive.

Da die Zeit für eine tiefer gehende Debatte beschränkt war, wurden die Diskussionen am nächsten Tag fortgesetzt und Dr. Carola Roloff (Leitende Wissenschaftlerin der Akademie der Weltreligionen in Hamburg) übernahm eine aktive Rolle im Austausch. Während eines dritten Treffens wurden mögliche Folgen der Diskussionen wie auch ein Handlungsplan ausgearbeitet. Der Fokus der Agenda des Europarats liegt auf der Nicht-Diskriminierung und einer inklusiven Gesellschaft. Wir hoffen, dass unser Vorschlag der Weiterführung unserer Forschung und Arbeit genügend Unterstützung findet. Die Plattform für einen dauerhaften Dialog zwischen allen Glaubensrichtungen, wie von der Parlamentarischen Versammlung des Europarats vorgeschlagen, könnte dafür ein sehr wichtiger Rahmen sein. Wir hoffen, dass diese Plattform so bald wie möglich vom Ministerrat implementiert wird.

Eine buddhistische Perspektive

von Jetsunma Tenzin Palmo

Ich gehe davon aus, dass alle hier wissen, wer der Buddha war? Schon bald nach seiner Erleuchtung rund um das fünfte Jahrhundert vor Christus verkündete er, dass er nicht ins Nirwana eingehen würde, bevor er eine grosse Gemeinschaft von Mönchen, Nonnen, von männlichen und weiblichen Laien begründet hätte. Also war von allem Anfang an seine Vision, dass alle seine Nachfolger, ob klösterlich oder laizistisch, seine Botschaft studieren, praktizieren und verkünden sollten.

Etwa sechs Jahre nachdem der Buddha seine Wanderung im nördlichen Indien begonnen hatte, um das Dharma zu lehren, bat seine Stiefmutter und Tante, Mahaprajapati Gautami, zusammen mit vielen Damen ihres Hofstaats, darum, als Nonne ordiniert zu werden. Damals gab es nur eine Gemeinschaft von Mönchen. Gemäss den traditionellen Quellen zögerte der Buddha erst einmal, aber sein Diener Ananda sagte zu ihm: „Warum zögerst Du? Sind Frauen nicht imstande, sich zu befreien und zu emanzipieren?“ und der Buddha antwortete: „Nun, natürlich sind Frauen fähig, sich zu befreien.“

Daraufhin sagte Ananda: „Warum willst Du ihnen dann nicht erlauben von ihrem Haus hinzugehen zu Hauslosigkeit?“ und der Buddha war einverstanden: „So soll es sein.“ So wurde seine Tante, Mahaprajapati, die erste buddhistische Nonne und alle ihre Hofdamen und Anhängerinnen traten ebenso in den Orden ein. Seit dieser Zeit blieb der Nonnenorden ununterbrochen bestehen in all den Ländern, in denen sich der Buddhismus verbreitete. Wieso also hören wir dann kaum etwas über Nonnen? Oft, selbst wenn wir in Europa unterwegs sind, sagen die Leute zu uns: „Ach, Sie sind ein buddhistischer Mönch?“ und wir antworten: „Na, eigentlich bin ich eine Nonne.“ – „Ach, es gibt Nonnen im Buddhismus?“ – „Ja, es gibt viele zehntausende von Nonnen im Buddhismus der heutigen Zeit.“ – „Weshalb wissen wir davon dann nichts?“

Es ist nicht so in der buddhistischen Geschichte, dass es nicht grossartige Nonnen und Laienfrauen gegeben hätte. Der Grund, weshalb man nicht viel von ihnen hört, ist sicherlich, dass Männer die Bücher geschrieben haben. Das gilt für alle religiösen Schriften, nicht nur für den Buddhismus. Alles ist aus der männlichen Perspektive geschrieben und deshalb werden Frauen meist dargestellt als das gefährliche Andere, stets bereit, die netten unschuldigen Männer anzufallen. Das Weibliche lauert da draussen.

Als Folge davon haben die meisten Schriften einen Hang zu Frauenverachtung. Wären sie aus weiblicher Sicht geschrieben worden, würden sie ganz anders klingen. Aber nichtsdestotrotz haben Frauen es bis zum heutigen Tag geschafft, sich zu behaupten, trotz der Tatsache, dass sie oft nicht allzu viel Ermutigung bekommen haben.

Der Buddhismus, der sich durch verschiedene Länder bewegt wie China, Thailand, Sri Lanka, Tibet, Japan und so weiter, ist sehr anpassungsfähig, wohin er auch geht. Die Lehre Buddha’s nimmt die Farbe der jeweiligen Kultur an, auf die es trifft.

Ich habe mir gestern gedacht, dass es so wäre als wenn wir eine Tasse haben oder eine Vase oder einen Krug oder was auch immer, aber obwohl die äussere Form sich ändert, die Flüssigkeit darin doch immer die gleiche bleibt. Genauso geht der Buddhismus um die Welt und nimmt die kulturellen Aspekte des Landes an, in denen er sich niederlässt, aber er bewahrt nichtsdestotrotz seine ureigenste innere Identität. Genauso ist es, wenn wir fragen, was ist die Rolle der Frauen in der Buddhistischen Welt: Vieles hängt von der Kultur des jeweiligen Landes ab, die von der buddhistischen Sicht von Frauen vielleicht beeinflusst wurde oder auch nicht.

Die buddhistische Sicht ist, dass Frauen absolut in der Lage sind, Erleuchtung zu erlangen. Tatsächlich werden in der späteren Mahayana-Tradition Frauen als die Natur der Weisheit betrachtet. Perfekte Weisheit – wie Sophia – wird dargestellt als weiblich, und von daher kommt die Auffassung, dass das Weibliche die Natur der wahren Realität verkörpert. Es ist nicht so, dass wir Weisheit erwerben müssen, sondern dass wir sie schon von Natur aus sind.

Daher gibt es in manchen buddhistischen Ländern wie zum Beispiel Taiwan oder zunehmend auch in China, Korea, Vietnam und weiteren Ländern viel mehr Nonnen als Mönche und auch mehr hingebungsvolle Laiinnen als Laien. Viele buddhistische Vereine werden heute von Frauen geleitet, weil Frauen heutzutage gebildet sind. Das ist der zentrale Punkt. Sobald Frauen Zugang zu Bildung haben, übernehmen sie zunehmend mehr Führungsqualitäten.

Bis heute wird in Südostasien Frauen der Zugang zu höherer Bildung verweigert, und auf diese Weise wird ihre Stimme gedämpft, aber sie wird stärker. In den Gegenden des Himalayas, mit denen ich am besten vertraut bin, hat die Stellung der Frau in den letzten 25 Jahren einen Quantensprung gemacht. Besonders die Nonnen sind kaum mehr wiederzuerkennen, verglichen mit 1960, als ich sie zum ersten Mal traf. Dieses Jahr werden um die 21 Nonnen zum ersten Mal in der tibetischen Geschichte den „Geshe Titel“ von Seiner Heiligkeit, dem Dalai Lama erhalten. Der „Geshe Titel“ ist wie ein Doktor in Theologie, der zuvor immer nur Mönchen gewährt wurde. Nun werden die Nonnen selbst Lehrerinnen sein.

Da Bildung von Frauen in all diesen asiatischen Ländern zunimmt, vergrössert sich auch ihr Selbstvertrauen und ihre Fähigkeit, mitzuwirken. Frauen finden jetzt endlich ihre Stimmen. Und wie ihre Stimmen klingen werden, haben wir noch nicht wirklich herausgefunden. Aber wir hoffen, dass sie werden nicht nur einfach ein Echo der männlichen Stimmen, sondern dass sie ihren ganz eigenen, einzigartigen Beitrag finden.

Ein anderer Punkt ist, dass dies heutzutage niemand mehr verhindert, da buddhistische Mönche und Gelehrte inzwischen meist unterstützend und hilfreich die Verbesserung der Stellung von Nonnen und Laiinnen vorantreiben. Wir werden also noch einmal Bilanz ziehen in den kommenden zehn Jahren. Vielen Dank!

(übersetzt aus dem Englischen von Simone Vogel-Kappeler)

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